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Selbstbauten von Volker Born

Der Sitz im Boot

Ganz egal, wie das Wunschboot aussieht, wie lang, schmal oder niedrig es ist, ein guter Sitz ist eine Notwendigkeit. Zum einen soll man für mehrere Stunden im Boot sitzen können, wenn es geht bequem, zum andern muss der Sitz den Bootskontakt herstellen.

Der Sitz kann aus Sitz, Rückenlehne, Beckenstützen, Kniehalt und Fußstütze oder nur einigen der genannten bestehen. Unbedingt erforderlich für den Bootskontakt bei einem Falteski sind Sitz, Kniestützen und irgendeine Möglichkeit, die Füße abzustützen.

Es ist sehr sinnvoll, den Sitz bereits beim Entwurf des Kajaks zu entwerfen und ihn nicht hinterher irgendwie anzupassen. Hilfreich ist es, ein Mock-up aus Abfallholz zu bauen und zu bespannen (!), und sich auf diese Weise zunächst über den Sitz und den dafür erforderlichen Raum und danach erst über den restlichen Rumpf Gedanken zu machen. So erhält man Mindestmaße, die bei einem Grönländer auch nicht zu sehr überschritten werden sollten. Bei einem klassischen Faltboot hat man viel Platz, man kann sehr hoch sitzen und sich den Hintern mit allem erdenklichen polstern. Rollen läßt sich ein Boot mit so einem Sitz aber nur schwer. In einem Falteski ist sehr wenig Platz, der Hintern muss wegen des Schwerpunktes und wegen des niedriges Decks möglichst tief kommen und die Fersen kommen fast auf die gleiche Höhe. Darunter leidet die Bequemlichkeit sehr. Die Rolle hingegen wird sehr viel einfacher.

Hier allgemeingültige Richtlinien für den einzig wahren Sitz aufzustellen geht leider wegen der vielen unterschiedlichen Körperbaue nicht. Ich habe mit verschiedenen Methoden lange experimentiert und seit einiger Zeit ein für mich zufriedenstellendes Konzept gefunden.

Fußstütze

In meinem ersten Falteski konnte ich zunächst nur 20 Minuten sitzen, dann schliefen mir regelmäßig die Füße ein. Eine eingebaute Fußballenstütze brachte nur geringe Besserung. Ein deutlicher Fortschritt war eine Fersenstütze. Deren Position muss genau passen, am besten ist sie verstellbar, um sowohl barfuß als auch mit diversen Schuhen oder Neoprensocken fahren zu können. Die Verstellbarkeit erreiche ich durch eine auf dem Kiel befestigte Metallschiene, auf der die Stütze mit einer Flügelschraube fixiert wird. Gegen Wegrutschen habe ich eine Anzahl kleiner Mulden in die Schiene gebohrt. Will man so was nicht selbst bauen, hat Zölzer ein gutes käufliches System, auch als Steuer. Eine einfachere Möglichkeit ist, die Schraube im Kiel anzubringen und mehrere Löcher in der Fußstütze zur Verstellung zu haben. Dieses Prinzip benötigt eine lose Flügelmutter zur Fixierung.

Wenn ich ein Steuer benutze, sind die Steuerpedale an einem Fersenstemmbrett befestigt. Die Fersen liegen auf der Bootshaut auf. Dies bewirkt kleine Ausbeulungen der Haut nach unten. Manchmal wird dies mit einer Plane verhindert, die an den Senten und dem Kiel befestigt und straff gespannt ist. Das ist wärmer und hat eine glattere Außenhaut zur Folge, aber hebt auch die Fersen an. In meinen Kajaks ist dafür kaum Platz vorhanden.

Spanten, die von unten die Beine berühren, können sehr schnell zu Taubheitsgefühlen führen. Berühren sie die Ferse oder Achillessehne, ist mit Schmerzen zu rechnen. Man sollte bereits beim Entwurf darauf achten, die Spanten entsprechend zu positionieren.

Manche Leute benutzen auf längeren Touren z. B. eine aufgerollte Wolldecke, die unter den Oberschenkeln oder den Knien liegt. Sie sollte den Ausstieg unter Wasser jedoch nicht behindern.

Sitz

Der eigentliche Sitz war auch Gegenstand zahlreicher Versuche und Modifikationen. Von einfachen Sperrholzbrettchen mit verschiedenen Polstern über alte Ruderskiffsitze und Schmiegesitze unterschiedlicher Bauform habe ich herumprobiert. Eine Katastrophe war ein Hängesitz aus Plane, der gegen seitliches Verrutschen am Kiel fixiert und an den Beckenstützen unter dem Süll aufgehängt war. Dieser Sitz machte den Bootskontakt fast vollständig zunichte. Mittlerweile benutze ich Formschmiegesitze aus Sperrholz mit Löchern für die Arschknorren. Deren Abstand muss genau passen. Darauf liegt ein sog. selbstaufblasendes Kissen, aus dem so viel Luft herausgelassen wird, das der Hintern beidseitig gerade eben Kontakt zum Holz bekommt.  Der Bootskontakt wird so über das Holz des Sitzes und nicht das (unzuverlässige) Luftpolster hergestellt. Der Sitz ist fest auf dem Kiel befestigt und kann nicht herausfallen oder verrutschen. Das Polster ist mit Riemen am Sitz befestigt. Wenn mehr Polster nötig sind, sollte man lieber auf festen Schaum oder Granulat statt auf Luft vertrauen. Erstere sind stabiler und vermitteln besseren Kontakt zum Kajak, während Luft oft einen arg schwammigen Halt bietet.

Beckenstützen

In weiten Kajaks sind Beckenstützen sinnvoll, in engen nicht unbedingt nötig. Auch bei den Beckenstützen ist zu berücksichtigen, dass man die Kleidung je nach Wetter verändern sollte und der Raum daher sowohl für Badehose als auch Trockenanzug reichen muss. Macht man einen Formschmiegesitz, kann man diesen seitlich hochziehen und ihn entweder in die Beckenstützen übergehen lassen oder auf diese verzichten. Ist der Süll sehr niedrig, kann auch er die Beckenstütze bilden. In arktischen Kajaks gibt es keine Beckenstützen.

Rückenlehne

Dem Rücken sollte man auch einige Sorgfalt widmen. Nach ziemlich schlechten Erfahrungen mit Gurtrückenlehnen in GfK-Kajaks verwende ich nur noch Holzlehnen, meist ohne Polster. Die normale Klepperlehne ist für mich ein Folterinstrument, hängt sie aber deutlich tiefer, ist sie plötzlich wunderbar. In hoher Position funktionieren alte H-Lehnen hervorragend. Je nach Rückengestalt muss auch hier durch herumprobieren das Ideal gefunden werden. In einem Kajak verzichte ich ganz auf eine gesonderte Rückenlehne und benutze stattdessen das Spantendach. Dieses ragt ca. 2 cm in die Luke hinein. Will man viel rollen, sollte man darauf achten, dass man sich gut nach hinten lehnen kann, am besten so, dass die Schultern das Achterdeck berühren. Die Rolle wird so deutlich einfacher. Ist die Rückenlehne tief angebracht, erleichtert sie die Körperrotation beim Paddeln.

Kniehalt

Hiermit ist gemeint, dass die Knie in irgendeiner Weise von unten gegen ein geeignetes Bauteil drücken und so bei der Paddelstütze oder der Rolle das Kajak um die Längsachse rotieren können. Eine ganz hervorragende Möglichkeit dafür ist der Masik, ein geschlossener Spant über den Oberschenkeln kurz oberhalb der Knie. Das Wort kommt aus dem grönländischen. Er bringt notwendigerweise eine relativ kleine Luke mit sich, was nicht jedermanns Sache ist. Bei einer größeren Luke muss entweder der Süll stark genug sein und die Luke sicher am Kajak befestigt werden (klingt einfach, ist aber schwierig, wenn es sowohl stabil als auch wasserdicht sein soll), oder unterzugähnliche spezielle Stützbretter übernehmen die Aufgabe. Es sind auch schon Gurtlösungen mit Erfolg gebaut worden.

Aktualisierung: 13/11/2017